Sebastian Kummer erhält Stiftungslehrstuhl in China

Univ. Prof. Dr. Sebastian Kummer, Vorstand des Institut für Transportwirtschaft und Logistik

Text: Johannes Tomsich

Nach einem halben Sabbatical-Jahr mit Karibik-Segelreise erscheint der Professor braun gebrannt in einem Wiener Cafe, um zu verkünden, dass ihn ein Ruf aus China ereilt hat. Und diesem will er folgen. Mehr dazu verrät er gegenüber der Logistik.Initiative.Austria im exklusiven Interview mit Johannes Tomsich.

Zuerst Gratulation und Hochachtung. Kannst Du uns kurz erklären, worum es dabei konkret geht?

Das Department of Logistics Management, School of Management, der Jilin University (in der Stadt Changchun) hat mir nach einer langjährigen Tätigkeit als Gastprofessor und nicht zuletzt aufgrund meiner nun zwanzigjährigen Tätigkeit in China zur Hilfe bei der Restrukturierung der chinesischen Eisenbahnen eine „Endowed Chair“-Professur angeboten. Der chinesische Staat stellt dazu seinen Universitäten Gelder für ausländische Professoren zur Verfügung.

Was reizt Dich an diesem Job? Ist er gut bezahlt?

Also Geld am allerwenigsten. Ich habe den Vorteil, dass ich finanziell unabhängig bin.

Es ist einfach eine große Ehre. Wir Professoren nennen das „Rufe“, und das ist der 6. Ruf in meinem Leben. In den letzten 17 Jahren in Österreich habe ich mich an keiner einzigen Professur mehr beworben.

Aber darüber hinaus erhältst Du natürlich viel Einblick in das Land?

Ja natürlich. Ich bin vor vielen Jahren nach China gefahren mit der Einstellung: Jetzt zeigen wir mal den Chinesen, was es gibt. Mit der Zeit habe ich dann gemerkt, dass nicht nur die Chinesen viel von uns, sondern auch wir viel von den Chinesen lernen können, natürlich heute noch viel mehr als vor 20 Jahren. Früher ging es eher um einen allgemeinen Wissensaustausch, in letzter Zeit um neue Themen, so habe ich in den letzten Jahren bei einer großen chinesischen Logistikkonferenz zweimal eine Keynote gehalten – die letzte über Logistik 4.0. Und da ist ein chinesischer Regierungsvertreter dabei gewesen, der meine Aussagen sehr befürwortet hat, davor habe ich einen Vortrag über nachhaltige Logistik gehalten. In China herrscht dazu extremer Aufholbedarf. Die Verbesserung der Umweltbedingungen ist für China der nächste Schritt nach der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des Landes.

Wie steht es eigentlich um die Elektromobilität in China?

Ich hatte immer gedacht, dass China sehr stark auf Elektromobilität für Pkw setzen würde, stattdessen haben sie den ersten Entwicklungsschritt mit konventionellen Antrieben gemacht, wahrscheinlich, weil sie wissen, dass sie heute schon den benötigten Strom kaum erzeugen können. Dieser wird noch dazu zum Großteil aus Kohlekraftwerken gewonnen.

Du hast in der Vergangenheit schon einiges in China getan. Wie hat das eigentlich begonnen?

Nach einem akademischen Austausch im Jahre 1998 habe ich im Rahmen eines Projekts der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die heute GIZ Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit heißt, also der „Deutschen Entwicklungsagentur“, bei der Restrukturierung der chinesischen Eisenbahn mitgearbeitet. Dass China „Entwicklungshilfe“ aus Deutschland erhielt mag kurios klingen, aber natürlich ging es dabei auch um Technologieförderung.

Inzwischen hat sich das natürlich komplett geändert, schon bei der Gastprofessur zahlen die Chinesen Flug, Hotel und vor Ort alles.

Nun hat mir das Department für Logistics Management der School of Management der Jilin University Jilin einen Ruf auf eine „Endowed Chair Professur“ erteilt. Das ist ein „Stiftungslehrstuhl“. Der Chinesische Staat stellt den chinesischen Universitäten Mittel bereit, um ausländische Professoren nach China zu holen. Das ist schon interessant! Stell Dir mal vor: Das wäre so, als wenn wir in der EU Budget kriegen würden für ausländische Professoren. Wahrscheinlich geht das nach EU-Recht gar nicht, aber die Chinesen machen das.

Bevor ich dem Ruf Folge leisten kann, muss aber natürlich die WU Wien das Einverständnis geben, dass ich diese Tätigkeit neben meiner 50-%-Stelle an der WU ausführen kann.

Was hattest Du damals bei der GTZ konkret für die Chinesischen Bahnen gemacht?

Die Chinesen haben im Übergang von einer sozialistischen Planwirtschaft zu einem – wie man vielleicht sagen könnte – marktwirtschaftlichen Sozialismus in den 90iger-Jahren beschlossen, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzutreiben. Bis in die 80iger-Jahre war fast alles staatlich und es gab auch so gut wie keine ausländischen Unternehmen dort. Dann hat man eine Branche nach der anderen geöffnet, und man hat diese Öffnung mit Joint Ventures gemacht.

Bei der staatlichen Eisenbahn arbeiteten damals 1,3 Mio. Mitarbeiter, das war also eines der größten Unternehmen der Welt, mit eigenen Schulen und Universitäten. Zuerst haben sich die Chinesen angekuckt, wie andere Eisenbahngesellschaften weltweit agieren, ob die erfolgreich sind oder nicht. Dazu haben sie auch die GTZ beauftragt. Dann sind sie auf mich gekommen, und wir haben über den Zeitraum von zirka zwei Jahren zahlreiche Workshops mit Vertretern der chinesischen Eisenbahn abgehalten. In Europa war damals die Bahn-Liberalisierung voll in Gange. Man wollte meine Einschätzung zum Erfolg der Restrukturierungsaktivitäten in Europa hören.

Diese Workshops wurden jeweils zu bestimmten Themen gemacht. Es ging um Schlüsselfragen wie „Wie sind europäische Bahnen organisiert, wie werden sie finanziert oder wie machen sie Marketing?“ Daraus entstand dann ein Restrukturierungskonzept, das enthielt, Entscheidungskompetenzen in die Regionen zu verlagern.

Also das heißt, man hat sich in China nur begrenzt an westlichen Systemen orientiert?

Das machen die Chinesen perfekt: Sie suchen sich immer das raus, was gut ist. Manches wollen sie aber auch nicht gleich umsetzen, sie sagen dann: Dazu ist es jetzt noch nicht an der Zeit, vielleicht in 20 Jahren, aber jetzt könnte Wettbewerb hier noch negativ sein.

Beispielsweise haben wir mal über Trassenpreise diskutiert. In China sind manche Trassen überlastet, und man hat mich gefragt: Welche Erfahrungen haben sie in Europa mit der Auktion von Trassen? Das war 1999. Und ich dachte damals: So eine super Idee! Wieso bin ich nicht darauf gekommen? Natürlich habe ich ihnen erklärt, warum wir das in Europa nicht so machen können. Erst Jahre später gab es dann zum ersten Mal eine Auktion in Deutschland.

Eine der größten Ängste ist doch, dass durch diese „OBOR – One Belt – One Road“-Initiative Staaten sich für Infrastruktur verschulden, weil sie Kredite von Chinesischen Banken dafür aufnehmen. Man fürchtet darum, dass China dann diese Länder unter Druck setzen könnte …

Diese One-Belt-Strategie hat verschiedene Komponenten – neben der Infrastruktur ganz klar auch politische. China erhebt darauf Anspruch, bald die USA als führende Weltmacht abzulösen. Und daran arbeitet man mit allen Mitteln. Ich bin kein politischer Berater – aber wahrscheinlich machen sie das in der Politik genauso wie bei der Eisenbahn und kucken sich Vorbildbeispiele sehr genau an.

Man kann jetzt natürlich sagen: Die bösen Chinesen! Aber das ist ja sehr naiv. Ich arbeite persönlich lieber mit einem chinesischen, rational denkenden Staatschef, deswegen habe ich auch Interesse für den chinesischen Staat zu arbeiten, von dem ich natürlich weiß, dass er mein Know-how will, von dem ich natürlich weiß, dass er mich geheimdienstlich überwacht und von mir erwartet, dass ich nicht zur Revolution im Land aufrufe sowie idealerweise bestimmte Themen ausklammere. Und ganz klar wollen diese Staaten Einfluss nehmen, aber das ist amerikanische Politik seit mehr als hundert Jahren.

Und zur zuvor geäußerten Befürchtung der Verschuldung: Meiner Meinung nach ist das kein Ausschlusskriterium. Wir Österreicher können ja sagen, wir unterstützen das, aber wir wollen keine Kredite von den Chinesen!

Ist mit dieser Funktion, die Du jetzt angeboten bekommst, nicht auch ein Art Lobbying verbunden, wo es also darum geht, gewisse Entscheidungsträger zugunsten chinesischer Interessen zu beeinflussen?

Explizit natürlich nicht und ob das eine Intention der Chinesen ist, weiß ich nicht. Fest steht für mich nur, dass sie versuchen, Know-how ins Land zu bekommen. Was sie eben auch wissen ist, dass Infrastruktur alleine nicht ausreicht, sondern was sie benötigen ist – wie sie das nennen – eine „365-Grad-Sichtweise“, mit Ausbildung, Forschung, Öffentlichkeit und Medien.

Ich bedanke mich für das Interview und wünsche Dir viel Erfolg in China!