Wichtigste Frage zum Brexit: „Könnte ich betroffen sein?“

Michael DRUML Magna-Steyr

Welche Rolle spielt MAGNA in der Automobilindustrie? Warum lagern die Hersteller wesentliche Prozessschritte an den Zuliefergiganten aus. Und wie geht diese Entwicklung weiter?

Interview: Johannes Tomsich

Michael Druml ist seit Juli 2018 „Vice President Purchasing Magna International Europe“ und europaweit für den Einkauf verantwortlich. Zudem entscheidet er als Global Director Purchasing & Logistics Magna Steyr auch im Bereich Logistik kräftig mit.

Der dem Expertengremium der Logistik-Initiative-Austria angehörige Österreicher stand uns zu vielen interessanten Fragen Rede und Antwort.

Laut kürzlich veröffentlichtem Geschäftsbericht betrug im letzten Jahr der Umsatz der MAGNA Steyr 5,3 Mrd. Euro, der Gesamtkonzernumsatz lag bei 36 Mrd. Euro.

Warum kann ein Produktionsunternehmen wie die MAGNA, das mehrere Automobil-Marken bedient, effizienter und kostengünstiger (?) produzieren als manche Automobilhersteller? Worin liegen die Vorteile?

Ich glaube nicht, dass MAGNA in der Produktion per- se kostengünstiger fertigen kann als seine Auftraggeber. Hier haben die OEMs in den letzten Jahren massive Anstrengungen unternommen, ihre eigenen Werke zu optimieren. Der Grund zur Auslagerung von Fertigfahrzeugproduktion kann wiederum nur in einer Gesamtbetrachtung des OEMs gesehen werden, es geht darum, welche Synergien MAGNA generieren kann, Inbound-Ströme bündeln zum Beispiel, oder welche Komplexität MAGNA dem jeweiligen OEM „abnehmen“ kann, um dadurch selbst effizienter seine weiteren Modelle produzieren zu können.

Ein weiterer Faktor ist die Zeitkomponente. Wie schnell kann MAGNA auf Anforderungen beziehungsweise Verlagerungen reagieren, um eventuelle Spitzenabdeckungen oder Modellausläufe beim OEM zu optimieren?

Gleichzeitig bieten wir aber auch sogenannten „Neueinsteigern“ die Möglichkeit, auf ein bewährtes Business-Modell im Fahrzeugbau zurückzugreifen – die Tatsache, dass wir am Standort Graz bis jetzt über 3,5 Millionen Fahrzeuge für unterschiedlichste OEMs gefertigt haben, ist ein überzeugendes Argument.

Logistikdienstleister übernehmen mit sogenannten Value Added Services seit längerem immer mehr Aufgaben, die zuvor von den Produktionsunternehmen selbst durchgeführt worden sind. Wird in Zukunft noch mehr ausgelagert und warum?

Make or buy-Entscheidungen müssen immer im Rahmen der Gesamtstrategie eines Unternehmens gesehen werden. Dabei spielt nicht nur der Preis eine Rolle, sondern auch Faktoren wie Auslastung, Flexibilität, Know-how, Synergiepotenziale, Technologien und mehr. Das Unternehmen muss entscheiden, welche Kernkompetenzen es aus strategischen Gründen in-house behalten möchte.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Transport- und Logistikpartner aus?

Die Kriterien haben sich in den letzten Jahren nicht verändert: Kosten, Qualität, Zuverlässigkeit. Was sich sehr wohl verändert hat, sind die vielfältigen Möglichkeiten, diese Ziele zu erreichen. Ursprüngliche Schlagwörter wie Geofencing – das Auslösen einer Aktion bei Überschreiten einer virtuellen Grenze im Nahbereich unserer Firma,  Big Data Analytics – Zusammenhänge von historisch erfassten Daten lassen uns Verhaltensmuster von Lieferanten und Dienstleistern erkennen – bis hin zu Predictive Analytics, womit wir mögliche Störfaktoren wie Lieferverzögerungen im Voraus erkennen können, sind inzwischen Realität geworden und unverzichtbar, um auch weiterhin konkurrenzfähig zu sein.

Wie oft gibt es Neuausschreibungen und für welchen Zeitraum fixe Verträge?

Es gibt projektbezogene Neuausschreibungen, fixe Verträge laufen zirka zwei Jahre.

Wie geht es Ihnen im Bereich Mitarbeiter-Recruiting?

Es laufen hier bei MAGNA mehrere Qualifizierungsprogramme parallel, wichtig ist die frühzeitige Einbeziehung der Proponenten in das Firmengeflecht. Wir bemühen uns schon mit Aktivitäten in Pflichtschulen um mögliche künftige Mitarbeiter. Lehrlingsausbildung, Dualstudium, Praktika sowie enge Zusammenarbeit mit universitären Institutionen sind nur einige Programme, um künftige Fachkräfte an MAGNA zu binden. Wichtig ist dabei zu bemerken, dass wir uns ja in einer sich ständigen verändernden Arbeitswelt befinden. Heute erworbenes Fachwissen kann morgen schon nicht mehr zeitgemäß sein. Deshalb legen wir bei MAGNA großen Wert auf interne Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter.  Im Rahmen von „Smart Factory“ – Flexibilisierung der Fabrik – und damit verbunden natürlich auch die Flexibilisierung der gesamten Supply Chain, ist Anpassungsfähigkeit und der Wille, sich ständig weiterzuentwickeln, essenziell.

Welche Weichen gilt es zu stellen hinsichtlich eines (wie zu erwarten harten) Brexits?

Leider sehr viele – und ich möchte mich hier „nur“ auf die Supply Chain beziehen. Es klingt banal – aber die erste Frage, die zu stellen ist: „Könnte ich betroffen sein?“

Nur weil ich keine direkten Lieferanten in UK habe, heißt das noch lange nicht, dass ich mich in Sicherheit wiegen kann. Die Frage ist, wie die gesamte Wertschöpfungskette meiner Lieferantenbasis – egal woher das finale Produkt kommt – aussieht. Und hier sehe ich schon ernste Bedenken, dass die Transparenz dafür nicht in allen Firmen und für alle Fertigungsstufen gegeben ist.

Ein weiteres Thema ist der Kompetenzaufbau in den betroffenen Firmen. Es gibt bis dato genügend Publikationen – eine umfassende darüber übrigens von diversen Wirtschaftskammerorganisationen, die detailliert darüber Auskunft geben, was alles zu beachten und vorzubereiten ist – angefangen von EORI Nummern bis hin zur AEO Zertifizierung.

Welche Innovationen prägen derzeit am meisten Ihr Business und warum?

„Smart Factory“ ist ja längst kein Schlagwort mehr. Wir müssen schneller, effizienter und kostengünstiger produzieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben – und das bei gesteigerter Qualität und gesteigertem Umweltbewusstsein. Das hat natürlich Auswirkungen auf die gesamte Supply Chain – von der Lieferantenbasis über die Inbound-Logistik, der Verpackung, der Bandversorgung bis hin zum Leergutversand – und damit verbunden natürlich auf die gesamte Systemlandschaft.

Ein Ausdruck, den ich kürzlich gelesen habe – und leicht zu merken ist, beschreibt die Aufgabe recht gut: „PAPA“ – die Transformation von „Paperless Processes to Predictive Analytics“

Hierunter fallen die meisten Aktivitäten, die wir entweder schon umgesetzt haben, beziehungsweise gerade dabei sind, umzusetzen. Es kommen fast tägliche neue Technologien dazu, die uns dabei unterstützen, unsere „Smart Supply Chain“ zu optimieren.

Gibt es Erwartungen aus Ihrem Bereich an die aktuelle Regierung?

Klimaschutzmaßnahmen, die von unseren Auftraggebern immer stärker gefordert werden, müssen auch von der Regierung stärker unterstützt werden, aber nicht durch weitere Beschränkungen, sondern durch eine aktive Beteiligung an langfristigen Lösungen. Die Anschaffung beziehungsweise die Verwendung von alternativen Antriebsformen – Elektro, LNG, Wasserstoff und so weiter – wird derzeit im benachbarten Deutschland weitaus stärker gefördert als in Österreich. beispielweise wird bei uns noch immer diskutiert, ob LNG-betriebene Fahrzeuge der MÖSt unterliegen oder nicht.

Hier gilt es Zeichen zu setzen, um auch die selbsternannten Klimaziele langfristig zu erfüllen.