Brexit: Hart an der Grenze zum Machbaren

LOGISTIK-KURIER 1/2019

Egal, ob Deal- oder No-Deal: Der Brexit wird vielfach unterschätzt. Das Austrittsszenario im zweitstärkste EU-Markt löst eine Lawine an Sicherheitsvorkehrungen aus. Unternehmen setzen auf Zwischenlager und rüsten sich für die Zollbearbeitung.

Von Johannes Tomsich

Den Worten von Professor Anand Menon zufolge (Kings College, London) deutet eigentlich alles darauf hin, dass Großbritannien um den Brexit nicht mehr herumkommt. Die Situation ist bereits zu verfahren. Einige Abgeordnete der Großparteien hätten zwar in der Zwischenzeit ihre Meinung zum EU-Austritt geändert, doch sie würden damit den Verbleib ihrer Parteien in der Regierung gefährden und somit auch ihren Sitz im britischen Parlament. Einen schnellst machbarer Austrittsvertrag, ist laut seiner Meinung der aktuell einzig verbleibende Weg, um den Binnenhandel mit der EU möglichst wenig zu gefährden. Und er sieht Chancen für die britische Regierung, den aktuellen Stichtag von 29. März mit einem weiteren Referendum noch weiter hinauszögern zu können.

Zwei Szenarien sind nunmehr möglich. Gibt es einen mit Abkommen geregelten Austritt, wird es eine Übergangsphase bis Ende 2020 geben, kommt aber keines zustande, werden die Briten bereits ab 30. März den EU-Binnenmarkt verlassen und zum EU-Drittstaat werden.

UK zweitwichtigster EU-Markt

Laut Wirtschaftskammer Österreich ist Großbritannien der zweitgroßte Markt innerhalb der EU, für Österreich der neuntwichtigste Exportmarkt und fünftwichtigster Partner im Dienstleistungsbereich. Österreich exportiert Waren und Dienstleistungen im Wert von 6 Mrd. Euro ins Vereinigte Königreich, beschreibt Christian Mandl, Leiter der Stabsabteilung EU-Koordination der WKÖ. Rund 500 Firmen stehen in einer regelmäßigen Geschäftsbeziehung mit dem Vereinigten Königreich. Die Wirtschaftskammer gab kürzlich eine Broschüre zum Brexit heraus und eröffnete eine Notfall-Hotline, damit sich österreichische Betriebe auf die künftigen Veränderungen und Hürden im Binnenhandel vorbereiten können.

Was würde ein No-Deal-Brexit, sprich ein Austritt ohne Regelung, für den internationalen Warenverkehr bedeuten? Der bürokratische Aufwand bei Lieferungen per Straßengüterverkehr würde förmlich explodieren. Genehmigungen würden benötigt. Garantiert würde es dadurch zu deutlich längeren Wartezeiten an den Grenzen nach Großbritannien kommen. Staus auf den Straßen sind vorprogrammiert. Aber auch in Hafenterminals oder im Luftverkehr stünde man vor vielen neuen Herausforderungen.

Warenströme analysieren!

Bei dem Automobilzulieferer Magna Europe gibt es ein vielfach verflochtenes Logistiknetz zwischen Lieferanten und Empfänger in Großbritannien. Die Herausforderung beginnt laut Michael Druml, Vice President Procurement & Supply Chain, MAGNA Europe, zuerst einmal damit, herauszufinden, wie weit man davon eigentlich betroffen sei. Viele seiner Lieferanten haben wiederum viele weitere Sublieferanten, und so weiter. Sogenannte „Tier-3-Lieferanten“ für Unterbaugruppen und einzelne Bauteile könnten über oder aus UK ihre Waren beziehen, und damit seien Lieferverzögerungen ohne entsprechende Vorbereitung vorprogrammiert. Was für die Logistik auch eine große Rolle spielt, ist die Frage, wieviel Kabotage künftig im Königreich ausländischen Logistikdienstleistern ermöglicht wird.

Große Bedenken hat auch Christian Haring, Director Global Supply Chain Management, AVL: „Bei einem harten Brexit gehen Just-in-Time-Konzepte der Autoindustrie ‚den Bach hinunter‘“. Jede Niederlassung von AVL weltweit würde derzeit nach möglichen Lieferengpässen gescreent. Wo notwendig, will man Sicherheitslager mit höheren Beständen ausstatten, der über zehn bis zwölf Wochen Lieferverzögerungen hinwegrettet. Druml hat vor allem Bedenken für die Zollabfertigung, denn Zollfachleute sind heute rar.

Wer soll diese Arbeit machen? Laut Herbert Herzig, zuständig für Finanz und Steuerpolitik in der WKÖ, sei mit einer Zollanmeldung in jedem Fall in Zukunft zu rechnen, und er nennt eine Zahl von 360.000 zusätzliche Zollanmeldungen, die es demnächst jährlich zu bewältigen gilt. Das österreichische System würde das schaffen, das Problem sieht er aber vielmehr auf Seiten der Briten, die mit zusätzlichen 250 Millionen Zollabfertigungen zu kämpfen haben. Noch dazu würde man in UK gerade ein neues Zollsystem implementieren.

Notprogramm und Niederlassung in UK

Zur Einschätzung können laut WKÖ die Drittlandzollsätze der Taric-Datenbank der Europäischen Kommission für Kalkulationen herangezogen werden. Laut WKÖ sei nach erfolgtem Brexit mit einer Übergangsregelung seitens der britischen Verwaltung zu rechen. Bei Einfuhren würde man in diesem Fall eine unvollständige Registrierung abgeben können und müsse diese innerhalb von sechs Monaten vervollständigen.

Briten-Exporteure fallen nach dem Brexit über die mehrwertsteuerfreie Exportlieferung um. Was zuvor als innergemeinschaftlicher Warenverkehr galt, benötigt bald einen Ausfuhrnachweis. Nur Güterbeförderungsunternehmen mit Sitz in der Europäischen Union können durch oder im andere EU-Staaten ohne zusätzliche Genehmigungen liefern. Viele Unternehmen überlegen deshalb eine Niederlassung in GB zu gründen, damit sind sie steuerlich dort registriert. Andere sind auf der Suche nach Konsignationslager.

Laut Druml können solche Notfallmaßnahmen, wie er sie bezeichnet, jedoch nur temporär und limitiert sein. Entscheidungen müssten getroffen werden, meint er, auch zur Grenze zwischen Irland und Nordengland. Und zwei Monate mehr oder weniger für Verhandlungen würden das ganze Prozedere nur verzögern und den Binnenhandel weiter lähmen.

Zulassungen für Produkte und Auslandsmitarbeiter

Christian Mandl macht auf viele weitere Unklarheiten aufmerksam: Wie etwa sieht es mit der CE-Kennzeichnung für Firmen aus der Insel künftig aus? Das betrifft die Zulassung von Medikamenten ebenso wie viele anderer Produkte. Welche Gültigkeit haben Normen und Standards? Im Vereinigten Königreich ansässige akkreditierte Stellen verlieren nach einem Austritt ihren Status, Konformitätszertifikate ihre Gültigkeit.

Werden Mitarbeiter im künftigen Großbritannien demnächst ein Visum und eine Arbeitsgenehmigung benötigen? Im Falle eines No-Deal-Brexit wird das Vereinigte Königreich auch den Zugang zum einheitlichen europäischen Luftraum verlieren. Die britischen Fluggesellschaften müssten neue Luftverkehrsabkommen vereinbaren.

Werden Produkte zur Ausstellung auf britischen Fachmessen gesandt, sollt man darauf achten, dass diese bereits vor dem Brexit wieder zurück sind, denn sonst könnte es passieren, dass darauf ein Zoll für Re-Import anfällt. Dasselbe gilt auch für Maschinen, etwa wie sie im Straßenbau verwendet werden.

Binnenmarkt versus Grenzen

Laut Professor Menon verliert der aktuelle gesetzliche Rahmen ein Monat nach Verlassen des Königreichs der EU seine Gültigkeit. Die Kontroverse, die dann alle beschäftigen wird: den Binnen-Markt schützen und gleichzeitig Grenzen schützen.

Menon glaubt nicht, dass ein „Chaos-Brexit“ das Land in eine Rezession stürzen könnte. Er prognostiziert eine langfristige Reduzierung des Pro-Kopf-Einkommens im Bereich 2 bis 9 Prozent. Am meisten treffe es jene Randregionen, in denen die Mehrheit für den Brexit gestimmt hat.

Und auch der AWO-Außenwirtschaftsdelegierte Christian Kesberg meint: „Vor dem Hintergrund, dass Großbritannien der zweitwichtigste EU-Markt bleiben wird, ist es vielleicht verständlich, dass es mit der Rezession einen Flirt eingeht“.

Der nächste Stichtag bleibt abzuwarten, und ob tatsächlich so heiß gegessen wird wie gekocht.