„Verkehrssicherheit ist Teamwork“

ASFINAG

ASFINAG-Vorstandsdirektorin Karin Zipperer im exklusiven Interview zur Kampagne „Hallo Leben“ und zu aktuellen Themen der Verkehrssicherheit.

 

Von Johannes Tomsich

 

Wie stehen Sie aktuell zur Rettungsgasse? War das eine gute Idee der damaligen Verkehrsministerin Doris Bures aus heutiger Sicht? Wie sieht die praktische Erfahrung damit nun aus?

Die ASFINAG, und noch viel wichtiger die Einsatzorganisationen, bekennen sich klar zur Rettungsgasse. 90 Prozent der Lenkerinnen und Lenker finden sie laut aktueller Umfrage gut, oder bilden sie seit Jahren ganz selbstverständlich. Die Menschen wünschen sich aber auch mehr Kontrollen und Sanktionen, wenn sie missachtet wird.

Da jetzt Verkehrsminister Norbert Hofer die Nutzung der Pannenstreifen als Fahrspuren (auf der A 4, wie publiziert) andenkt, wäre dies ja dann dort auch die einzige Möglichkeit, Einsatzfahrzeuge vorzulassen. Wie stehen Sie eigentlich zu diesem Vorschlag?

Die temporäre Pannenstreifenfreigabe auf der A4 ist eine innovative Antwort auf Verkehrsüberlastung in Ballungsräumen, die nur zu den Stoßzeiten auftritt. Und ist der Pannenstreifen freigegeben, wird eine zweispurige einfach zur dreispurigen Autobahn, mit klarer Rettungsgassen-Regelung: Die Fahrzeuge auf dem linken Fahrstreifen bleiben ganz links, die Fahrzeuge auf dem mittleren Fahrstreifen und auf dem Pannenstreifen – also die ganz rechte Spur – ordnen sich rechts ein. Erkennen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Unfall oder eine Panne, schließen wir den Pannenstreifen auch gleich wieder.

Wo gibt es aus Sicht der ASFINAG die größten Flaschenhälse auf den Autobahnen in und um Wien und Niederösterreich? Wo registriert man den meisten Schwerverkehr? 

Das ist beim Pkw natürlich die Wiener Südosttangente, mit bis zu 200.000 Autos täglich. Das stellt uns auch bei den laufenden Erneuerungen vor Herausforderungen. Beim Lkw ist es der südliche „Ring“ um Wien mit der A 1, der A 21 und der A 4 weiter Richtung Osten. Auf der A 4 haben wir mit 13 Prozent einen hohen Schwerverkehrsanteil und auch viele Unfälle mit Lkw-Beteiligung. Auch deshalb fahren wir dort ein Investitions-Programm zum dreispurigen Ausbau. Derzeit laufen die Vorbereitungsarbeiten für die neue dritte Spur zwischen Fischamend und Neusiedl auf Hochtouren.

 Mit der Kampagne „Hallo Leben“ zeigt die Asfinag, dass die Ablenkung am Steuer als eine gefährliche Unfallursache registriert wurde. Würde man sich hier mehr Kontrollen durch die Exekutive wünschen?

Kontrollen und Strafen sind Angelegenheit der Polizei, und natürlich ist es gut und im Sinne der Verkehrssicherheit, wenn sie gegen „Handysünder“ am Steuer vorgeht. Als Autobahnbetreiber setzen wir auf Investitionen in Verkehrssicherheit und auf Bewusstseinsbildung. Etwa jeder zweite Euro unseres jährlichen Investitionsprogramms von insgesamt einer Milliarde Euro geht in Maßnahmen für mehr Verkehrssicherheit. Etwa in Tunnelsicherheit – in den Ausbau zweiter Röhren, und damit in die Beseitigung letzter Gegenverkehrsbereiche – und in die Modernisierung der Sicherheitssysteme bestehender Tunnel.

Darüber hinaus errichten wir beispielweise Anpralldämpfer an neuralgischen Stellen wie Autobahnabfahrten. Diese dämpfen frontale Anfahrten massiv ab und helfen dabei Unfallfolgen zu vermindern. Um vor Übermüdung zu schützen, haben wir bislang 50 ASFINAG Rastplätze errichtet, bis 2020 kommen weitere dazu.

Und wir wollen flankierend mit unserer Initiative „Hallo Leben“ positiv in Erinnerung bleiben, dabei aber dennoch deutlich Risikoverhalten erklären und eine Änderung des Fahrverhaltens bewirken.

Genauso gibt es wenig Kontrollen bei knappem Auffahren (das wird in D beispielsweise sehr viel stärker verfolgt), oder von Linksfahrern, oder von Lenkern, die rechts überholen! Welche Aktionen setzt die ASFINAG, um das Fahren auf den österreichischen Autobahnen generell noch sicherer zu machen?

Verkehrssicherheit hat drei Eckpfeiler: Die Straße, die Autobauer und die Menschen hinterm Lenkrad. Als Autobahnbetreiber sorgen wir für möglichst sichere Infrastruktur. Verkehrssicherheit ist aber Teamwork. Damit es klappt braucht es auch die Eigenverantwortung der Lenkerinnen und Lenker.

Wie steht die ASFINAG-Geschäftsführung zum EU-weit diskutierten Road-Pricing für Pkw auf den Autobahnen und Schnellstraßen?

Österreich hat mit der Vignette und der Digitale Vignette eine bestens funktionierende Lösung im Einsatz. Im internationalen Vergleich ist die pauschale Vignette auch günstig und sehr akzeptiert. Ein weiterer Vorteil: Es gibt keinen straßenseitigen Aufwand für uns bei der Bemautung, und es braucht keine technischen Zusatzausrüstungen im Auto selbst. Generell ist die Entscheidung über eine Änderung des Mautsystems für Pkw natürlich eine politische.

Mittlerweile ist die elektronische Pkw-Vignette in vielen EU-Ländern umgesetzt, welche Vorteile/Nachteile ergeben sich dadurch für die ASFINAG bei der Kontrolle bzw. welche technischen Investitionen sind dazu notwendig?

Das wichtigste ist, dass die Digitale Vignette bei der Kontrolle keine Nachteile für unsere Kundinnen und Kunden bringt. So wird weiterhin stichprobenartig kontrolliert. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben auch zusätzliche technische Geräte erhalten. Sie können so sowohl Sichtkontrollen der Klebevignette als auch schnelle Checks der ans Kennzeichen gebundenen Digitalen Vignette machen. Mit einem technischen Upgrade haben wir auch die Kamerasysteme der Automatischen Vignettenkontrollen versehen. Die können ebenfalls beide Vignettenarten überprüfen.

 Es gibt nun den Test mit Tempo 140 auf Autobahnen! In diesem Zusammenhang erscheint der Nacht-60iger für Lkw sehr gefährlich zu sein, da dann Pkw theoretisch bei Nacht und Nebel mit 80 km/h mehr auf einen Lkw treffen könnten. Wie steht die ASFINAG dazu? 

Praktisch ist es so, dass Tempo 140 nur auf zwei definierten Abschnitten in Nieder- und Oberösterreich getestet wird und auch nur tagsüber bei besten Bedingungen – sowie übrigens auch 130 – erlaubt ist, also nicht bei „Nacht und Nebel“.  Die gewählten Strecken sind dreispurig und bieten für den Test beste Voraussetzungen bei den  Sichtweiten oder Kurvenradien. Die bisherigen Beobachtungen zeigen wie erwartet auch keinerlei Auffälligkeiten bei den Unfallzahlen.

2018-09-13T15:44:24+00:00